Der Heidelberger Bergfriedhof

Ein Park der besonderen Art

Bergfriedhof, Litera X
Bergfriedhof - Terrasse in Litera X

Verschlungene Wege, begleitet von einer reichen Pflanzenwelt mit uralten Gehölzen, führen den Hang hinauf, vorbei an verschiedenst gestalteten Grabmalen, deren Inschriften uns Geschichten über Heidelberger Bürger erzählen und uns das kulturelle Leben der Zeitepochen erspüren lassen.

Viele bedeutende Persönlichkeiten haben auf dem Heidelberger Bergfriedhof, einem der schönsten und außergewöhnlichsten Friedhöfe Deutschlands, ihre letzte Ruhe gefunden.

14,4 Hektar Friedhofsgelände mit einem Wegenetz von über 23 Kilometern Länge, zahlreichen Serpentinen und mehr als 18 Terrassen bieten viele Möglichkeiten für Spaziergänge, innere Einkehr oder Gespräche mit Besuchern.


Unter der Schriftführung von Ernst Mushake ist in dem Büchlein von 1929 “Die Friedhöfe Heidelbergs” zu lesen:
“Von den hiesigen Friedhöfen zählt der Bergfriedhof zu den schönsten der Welt. Am Ausgang einer Talschlucht hingebettet gehört er zugleich dem Berg und der Ebene. Hoch leuchten die Grabmäler vom Hang des steil abfallenden Gebirges; aber weithin dehnen sich in der Tiefe der fruchtbaren Ebene auch die Gräberfelder, überschattet von hohen alten Bäumen, Kiefern, Zypressen und laubreichen Ahornkronen.”

Dies hat, dank der Fortführung des gartenbaulichen Konzepts Johann Metzgers, bis heute seine Gültigkeit behalten.


Über den Heidelberger Bergfriedhof - eine kleine Einführung

Bergfriedhof, Litera Q - Landfried
Bergfriedhof - Blick vom Weg zur Kapelle aus auf die "Urzelle" des Friedhofs - im Vordergrund die Grabanlage der Familie Landfried

Am 18. September 1844 wird der “Neue Friedhof an der Steige” als erster Heidelberger Friedhof unter kommunaler Führung feierlich eröffnet. Anfänglich liegt der Gottesacker noch am Fuße eines Weinberges. Doch schon bald werden aus Platzgründen auch die Terrassen des Hangs und später oberhalb angrenzendes Waldgelände mit einbezogen.

Die Grabstätten liegen an verschlungenen Wegen auf Geländeterrassen, eingebettet in eine variantenreiche, üppige Pflanzenwelt aus Bäumen, Sträuchern, Hecken und Bodendeckern. Die Gartenarchitektur folgt bis heute den Entwürfen von Johann Metzger, dessen Prinzip es war, gegebene Geländestrukturen des Friedhofs zu erhalten und durch entsprechend gewählte Vegetation ein “natürliches Landschaftsbild” zu vermitteln. Die Gestaltung der Grabanlagen ist überwiegend bezüglich Material, Typologie und Flora diesem Konzept angepasst.

Der 1876 eröffnete Jüdische Friedhof erfährt, wie der Bergfriedhof, mehrere Erweiterungen. Heute wird er vom Gelände des Bergfriedhofs umschlossen.


Die Kapelle des Bergfriedhofs wird 1842 nach den Plänen des Stadtbaumeisters Jakob Julius Greiff errichtet. Später wird sie mehrmals umgebaut und erweitert.

Um 1860 erhält der Friedhofsaufseher ein Wohnhaus, heute Sitz der Friedhofsverwaltung.

Besondere Bedeutung kommt dem nach Entwürfen des Heidelberger Architekten Philipp Thomas erbauten und 1891 eingeweihten Krematorium zu. Es ist das zweite in Deutschland in Betrieb genommene Krematorium (nach Gotha, 1878).


Arbeitsalltag auf dem Heidelberger Bergfriedhof

Bergfriedhof, Waldabteilung A
Bergfriedhof - Teilansicht der Waldabteilung

Waldgelände am Hang eines Ausläufers des Odenwaldes, begehbar gemacht durch Serpentinen die aus Terrassen entstanden sind. Die Terrassen stammen noch aus der Zeit, als hier in bester Lage Wein angebaut wurde. Heutzutage haben es die ersten Sonnenstrahlen an einem frühen Sommermorgen schwer, sich durch das dichte Laubwerk der Bäume einen Weg zu bahnen. Wo sie es schaffen, treffen sie auf Gehölz und auf Grünpflanzen als Bodendecker. Und sie treffen auf Tautropfen, die das Netz der Spinne verraten oder Pflanzen durch die Brechung des Lichtes zum Funkeln bringen.

An diesem Morgen wird der „Zwitscherdialog“ der vielen Vögel, die hier ihr Revier lautstark markieren, durch Motorengeräusch ergänzt. Ein Unimog erklimmt langsam auf der nur wenige Meter breiten Serpentine den Waldhang bis zu einer Terrasse weit oben in der Waldabteilung. Der Fahrer des „Universal-Motor-Gerätes“ ist außerordentlich konzentriert: rechts der Abhang, links die Steilwand – nach einer mit „Rückwärts-Vorwärts-Manöver“ genommenen Haarnadelkurve – links der Abhang rechts die Steilwand. Die Breite der Terrasse müssen sich der Weg und die Grabanlagen am Wegesrand teilen, das sind oftmals nicht mehr als 4 Meter – 2 davon für die Grabanlage!


Wir befinden uns auf dem Heidelberger Bergfriedhof. Es soll morgen eine Beerdigung geben und dazu muss das Grabmal und Teile der Einfassung von der vor 74 Jahren angelegten Familiengrabstätte in der „Waldabteilung“ des Friedhofs vorübergehend entfernt werden.

Das Fahrzeug hält direkt auf der Terrasse unterhalb der Terrasse an, auf der sich die Grabanlage befindet. Das Grabmal soll über den mehrere Meter hohen Steilhang, vorbei an den Stämmen der Bäume, hinabgelassen werden. Da ist Maßarbeit und viel Erfahrung mit Friedhöfen in extremer Hanglage gefragt.

Als das Grabmal endlich auf dem Weg in die Werkstatt des Steinmetzes ist, stellt sich die Frage, wie der Bagger für das Ausheben des Grabes an Ort und Stelle zu bringen ist – bei dem schmalen Weg wohl gar nicht. Nach einigen Versuchen wird das Unternehmen Bagger aufgegeben. Jetzt ist Schaufeln angesagt um den festen Waldboden mit seinen vielen Steinen zu bezwingen.

Um die Mittagszeit ist die Arbeit getan, die letzte Ruhestätte auf einem der schönsten und exklusivsten Friedhöfe Deutschlands ist für die Trauerfeierlichkeiten am nächsten Tag vorbereitet. Der Dunstschleier, der noch am frühen Morgen das Waldgelände mit seinen Gräbern in ein zauberhaftes Licht gehüllt hat, ist jetzt verschwunden, der Zauber jedoch, der diesem Fleckchen Erde innewohnt, ist geblieben.


Literatur / Quellen

Ernst Mushake (Schriftführer)
Die Friedhöfe in Heidelberg
Führer durch die christlichen und jüdischen Friedhöfe

Frankfurt/Main o. J. (1929)

Signatur Universitätsbibliothek Heidelberg: KG IV h 159

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